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TEKAR fordert historische Transparenz bei geplanter Atatürk-Oper der Staatsoper Stuttgart

Die Stiftung für die Erforschung der türkisch-armenischen Frage (TEKAR) hat sich mit einem ausführlichen Schreiben an den Intendanten der Staatsoper Stuttgart, Viktor Schoner, gewandt. Unterzeichnet wurde das Schreiben von Ender Güner, Generalmajor a. D. und Vorstandsvorsitzender der TEKAR-Stiftung. Anlass ist die für den 10. April 2027 angekündigte Uraufführung der Oper „Atatürk – Die Legende von Mustafa Kemal“.

Özel Haber - 3 saat önce

Die Stiftung für die Erforschung der türkisch-armenischen Frage (TEKAR) hat sich mit einem ausführlichen Schreiben an den Intendanten der Staatsoper Stuttgart, Viktor Schoner, gewandt. Unterzeichnet wurde das Schreiben von Ender Güner, Generalmajor a. D. und Vorstandsvorsitzender der TEKAR-Stiftung. Anlass ist die für den 10. April 2027 angekündigte Uraufführung der Oper „Atatürk – Die Legende von Mustafa Kemal“.

Die Stiftung fordert mehr Transparenz bei den historischen Quellen, eine pluralistische wissenschaftliche Begleitung und eine differenzierte Darstellung der historischen Zusammenhänge.

Das Werk wird von Bassem Akiki komponiert, das Libretto stammt von Olga Bach, Regie führt Ersan Mondtag. Nach Angaben der TEKAR geht es der Stiftung nicht darum, die künstlerische Auseinandersetzung mit Mustafa Kemal Atatürk grundsätzlich infrage zu stellen. Vielmehr müsse eine künstlerische Darstellung einer historischen Persönlichkeit nach Auffassung der Stiftung zugleich den Anforderungen an historische Genauigkeit und öffentliche Verantwortung gerecht werden.

TEKAR warnt vor Vermischung unterschiedlicher Epochen

Besondere Aufmerksamkeit widmet die Stiftung in ihrem Schreiben der Darstellung der Ereignisse von 1915. TEKAR betont, dass Mustafa Kemal zu diesem Zeitpunkt kein Mitglied des politischen Entscheidungsgremiums des Osmanischen Reiches gewesen sei, das die damalige Deportations- und Umsiedlungspolitik festgelegt habe. Er habe sich als osmanischer Offizier an der Dardanellen-Front befunden.

Die Stiftung fordert deshalb eine klare historische Einordnung der Ereignisse von 1915 innerhalb der Oper. Eine Verbindung der Ereignisse der letzten Phase des Osmanischen Reiches mit der späteren Person Atatürks könne nach Auffassung der TEKAR zu einer Vermischung unterschiedlicher zeitlicher, rechtlicher und historischer Verantwortungsbereiche führen.

Auch die Behandlung der kurdischen Geschichte müsse nach Ansicht der Stiftung in einen breiteren historischen Kontext gestellt werden. Dabei müssten unter anderem die damaligen Kriegsbedingungen, die Entwicklung des Zentralstaates, innere und äußere Sicherheitsprobleme, Aufstände sowie die Rolle ausländischer Mächte berücksichtigt werden.

Kritik an angekündigter Besetzung

TEKAR verweist zudem auf die angekündigte Besetzung der Oper. Demnach sollen unter anderem die armenische Schriftstellerin Zabel Yesayan und Sabiha Gökçen sowie Scheich Said und Soghomon Tehlirian jeweils von demselben Darsteller verkörpert werden.

Die Stiftung räumt ein, dass eine solche Besetzungsentscheidung aus dramaturgischen oder ästhetischen Gründen getroffen werden könne. Gleichzeitig fordert sie eine Erklärung, ob durch die jeweiligen Rollenpaarungen bewusst politische oder moralische Parallelen zwischen den historischen Persönlichkeiten hergestellt werden sollen.

Forderung nach umfassender Darstellung der Opferperspektiven

Kritisch setzt sich TEKAR auch mit der angekündigten Perspektive der Oper auseinander, die laut den bisherigen Angaben politische Verbündete, Oppositionelle, Angehörige und „Opfer“ einbeziehen soll.

Die Stiftung stellt die Frage, wie der Begriff „Opfer“ historisch definiert werde. Neben den armenischen und kurdischen Erfahrungen müssten nach ihrer Auffassung auch die massiven Verluste muslimischer und türkischer Bevölkerungsgruppen während des Zerfalls des Osmanischen Reiches, der Kriege, Besetzungen, Zwangsumsiedlungen und Massaker berücksichtigt werden.

Eine wirklich vielstimmige Darstellung müsse daher nach Ansicht der TEKAR auch den Untergang des Osmanischen Reiches, die Besetzung Anatoliens, die Verluste der türkischen und muslimischen Bevölkerung sowie den türkischen Unabhängigkeitskampf und die schwierigen Bedingungen der Staatsgründung einbeziehen.

TEKAR: Atatürks historisches Erbe dürfe nicht auf Autoritarismus reduziert werden

Die Stiftung kritisiert zugleich eine aus ihrer Sicht mögliche Reduzierung Atatürks auf Begriffe wie „Macht“, „Gewalt“, „Nationalismus“ und „Autoritarismus“.

In ihrem Schreiben verweist TEKAR unter anderem auf Atatürks Rolle im türkischen Unabhängigkeitskampf nach dem Waffenstillstand von Mudros, die Einführung der Volkssouveränität, die Gleichheit der Bürger vor dem Gesetz, die Vereinheitlichung des Bildungswesens, Reformen im Bereich der Frauenrechte, die Säkularisierung des Rechtssystems sowie das Prinzip nationaler Souveränität.

Eine kritische Auseinandersetzung mit Atatürk sei nach Auffassung der Stiftung grundsätzlich möglich. Sie müsse jedoch auf konkreten historischen Entscheidungen, Dokumenten, zeitgenössischen Umständen und nachvollziehbaren Kausalzusammenhängen beruhen.

Kritik an öffentlicher Äußerung der Staatsoper

Besorgt zeigt sich TEKAR zudem über eine öffentliche Äußerung der Staatsoper Stuttgart, wonach Atatürk „in zahlreiche Gräueltaten verwickelt“ gewesen sei. Die Stiftung sieht darin eine problematische Vorwegnahme einer historischen Bewertung, solange das Werk noch nicht öffentlich aufgeführt worden sei.

Auch die Erwähnung Atatürks im Zusammenhang mit historischen Persönlichkeiten wie Cäsar, Richard Nixon und Nero wird von der Stiftung kritisch bewertet. Nach Ansicht der TEKAR könne dadurch der Eindruck einer rhetorischen Gleichsetzung entstehen. Historische Vergleiche müssten hingegen anhand konkreter Entscheidungen, Dokumente und historischer Rahmenbedingungen vorgenommen werden.

Neun konkrete Forderungen

In ihrem Schreiben formuliert die Stiftung insgesamt neun Forderungen an die Staatsoper Stuttgart. Dazu gehören:

die Veröffentlichung der wesentlichen historischen Quellen und wissenschaftlichen Arbeiten, die bei der Produktion verwendet wurden; die Bekanntgabe der beteiligten historischen Berater und ihrer Fachgebiete; die Einbeziehung türkischer und internationaler Historiker mit unterschiedlichen wissenschaftlichen Perspektiven; eine klare Unterscheidung zwischen fiktiven Szenen und dokumentierten historischen Aussagen; eine umfassende Darstellung der Verluste türkischer und muslimischer Bevölkerungsgruppen neben den armenischen und kurdischen Perspektiven; eine gleichwertige Behandlung von Atatürks Rolle im Unabhängigkeitskampf sowie seiner politischen, rechtlichen, bildungs- und gesellschaftlichen Reformen; eine pluralistisch besetzte Informationsveranstaltung am 21. März 2027; eine wissenschaftliche Tagung mit Historikern aus der Türkei, Vertretern der türkischen Gemeinschaft in Deutschland, dem Produktionsteam und der Opernleitung; die Veröffentlichung des vollständigen Librettos oder zumindest eines detaillierten dramaturgischen Dossiers. „Nicht gegen die Kunstfreiheit“

TEKAR betont ausdrücklich, dass die Forderungen nicht als Versuch verstanden werden sollten, Kunst zu kontrollieren oder eine Aufführung zu verhindern. Ziel sei vielmehr, die künstlerische Freiheit durch historische Kenntnisse, Transparenz und eine offene gesellschaftliche Debatte zu stärken.

Die Stiftung erklärt, ihre Reaktion müsse innerhalb rechtlicher, friedlicher, akademischer und demokratischer Grenzen bleiben. Zugleich erwartet sie von einer öffentlich finanzierten Kulturinstitution eine besondere Verantwortung hinsichtlich historischer Genauigkeit, ausgewogener Darstellung und gesellschaftlicher Sensibilität.

Schriftliche Stellungnahme erwartet

Mit dem Schreiben, das auf den 15. September 2026 datiert ist, will TEKAR nach eigenen Angaben kein abschließendes Urteil über die noch nicht aufgeführte Oper fällen. Vielmehr solle die Staatsoper Gelegenheit erhalten, zu den aufgeworfenen Fragen Stellung zu nehmen und die verwendeten Quellen, historischen Methoden und künstlerischen Entscheidungen transparent zu machen.

Die Stiftung erwartet abschließend eine schriftliche Antwort von Intendant Viktor Schoner sowie eine Einschätzung der Staatsoper zur möglichen Durchführung eines wissenschaftlichen Gesprächs mit dem Produktionsteam.

Den vollständigen Text der Stellungnahme in deutscher und türkischer Sprache finden Sie auf den Social-Media-Kanälen der TEKAR-Stiftung.

 

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